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Die Bombay Schule nach Sankaran

Nach Jahren der Arzneimittelsuche über die zugrundeliegende "Wahnidee (engl. delusion)" (Einbildung, Lebenseinstellung: Wahnidee wertlos zu sein, Wahnidee verfolgt zu werden...) die nach einem europaweiten Hype eher zu einer Ernüchterung führte, entwickelte die Gruppe der Bombay Schule die Methodik aus verschiedenen Elementen weiter zur neuen Sankaran Methode ab dem Jahr 2000. Sie ist also sehr jung. Eingeflossen sind nicht nur psychotherapeutische Techniken (wie die Beobachtung von Gesten), sondern auch Entwicklungen anderer Homöopathen. So analysierte der Niederländer Jan Scholten das Periodensystem, um Eigenschaften der noch unbekannten Elemente vorherzusagen.

Es wird ebenso (von vielen Homöopathen seit längerem - Scholten, Sankaran und Mangialavori sind nur die bei uns bekannteren) versucht, auch bei Pflanzen und Tierfamilien Gemeinsamkeiten zu entdecken. Über die exakte Analyse von Videoaufnahmen erfolgreicher Verordnungen scheint das der Bombayschule reproduzierbar zu gelingen - zumindest für einige bisher bekannte Familien. In Dr. Willi Neuhold haben wir in Österreich einen didaktisch hervorragenden Lehrer für diesen Zugangsweg.

Grundlage der Mittelkenntnis bleibt die Arzneimittelprüfung, vor allem bei Pflanzen.

Über eine bestimmte Fragetechnik werden die Patienten möglichst nahe an die Grundempfindung in ihrer Hauptbeschwerde (bestätigt durch andere Beschwerden) herangeführt. Wenn sie diese ausdrücken, untermauern sie das meist mit unbewußter Gestik. Durch eine genaue Beobachtung der sogenannten Ebene auf der der Patient gerade spricht (Diagnose, Lokalsymptom, Gefühlsebene, Einbildungs(delusion)- oder Situationsebene, Empfindungsebene, Informations oder Energieebene, die "siebte") ist eine ständige Orientierung und Leitung hin zu den oft ungewohnten höheren Ebenen gegeben. Je höher die Ebene, desto sicherer die Mittelwahl.

Die verwendeten Themen und die Wortwahl führen zu der Entscheidung, in welchem Reich das Mittel des Patienten zu suchen ist (Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich, Nosode = Krankes Gewebe).

Die zugrundeliegende Empfindung führt zur Wahl der jeweiligen Familie.

Innerhalb der Pflanzenfamilien hilft die Art des Umgangs mit dem Problem, das sogenannte Miasma nach Sankaran (er unterscheidet 10, davon 9 bei den Pflanzen) die entsprechende Arznei zu finden. Bei den Tieren wird das ersetzt durch Ähnlichkeiten in der Erzählung der Empfindung mit dem Verhalten der Tierart.

Auf diese Weise werden zunehmend Mittel erschlossen, die aufgrund spärlicher oder sogar fehlender Arzneimittelprüfungen fast nie verschrieben wurden. Symptome bekannter Mittel werden auf einer viel tieferen Ebene besser verstanden.

Vorgeworfen wird der Methode, dass sie ausführliche Arzneimittelprüfungen nicht mehr vorraussetzt und Analogien verwendet, beispielsweise beim Verhalten eines Tieres. Das sehe ich allerdings als einen Übergang, da die neuen Erkenntnisse in ein vertieftes Arzneimittelwissen eingebaut werden, wie auch bereits Hahnemann Vergiftungssymptome mit zum Arzneimittelbild heranzog. Außerdem wurden immer wieder Beobachtungen am geheilten Patienten als Bestätigungssymptome gesammelt. (So werden tiefe Stirnfalten nicht bei einer Prüfung entstehen und leider auch nicht vergehen, aber können bei auf bestimmte Mittel ansprechenden Patienten häufiger gefunden werden).

Weiters sind insbesondere die botanischen Zuordnungen zu Pflanzenfamilien einem steten Wandel unterworfen (im Gegensatz zum Periodensystem), und bei hunderten Arten einer Pflanzenfamilie ist die Auswahl von 9 Miasmen natürlich einschränkend. Auch hier wird nach 9 Jahren kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

Da die Erkenntnisse von der erfolgreichen Behandlung von Patienten stammen und verfeinert werden, liegt kein "Zusammenspinnen von Hypothesen" (§1 Anm 1 Organon von Hahnemann) vor. Die mittelalterliche Signaturlehre versuchte vom Verhalten eines Tieres auf die Wirkung beim Menschen zu schließen, hier wird nach der sorgfältigen Schilderung des Patienten ein Mittel gesucht, das diese Symptome für den Patienten stimmig wiedergibt (in den Prüfungssymptomen, den Familiensymptomen oder/und dem Verhalten). Der Arzt nimmt sich daher weitestmöglich zurück, um nicht seine Empfindungen hinein zu interpretieren.

Ob diese Methode ein Meilenstein der Homöopathie, ein Zwischenschritt oder eine Sackgasse ist,- wie manche Kritiker meinen-, werden die Erfahrungen der Zukunft weisen.


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Oberarzt Dr. med. univ. Jörg Hildebrandt |j.hildebrandt@telering.at