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Der "klassische" Weg: Kent

Der "klassische Weg " ist die Repertorisation nach Kent und die entsprechende Wertung (Hierarchisiserung der Symptome) nach Pierre Schmidt. Man sucht das auffallende Detail.

Über Constantin Hering, der in die USA auswanderte, kam die Homöopathie zu einer Hochblüte in Amerika. James Tyler Kent (1849-1916) wurde durch die Heilung seiner Frau von Dr. Phelan von der Methode überzeugt und wurde einer der bedeutendsten Homöopathen. In seinem sehr umfangreichen Repertorium, auf dem viele modernere noch umfangreichere aufbauen (Synthesis, Complete, Universale,...) sammelt er vor allem ungewöhnliche Symptome neben den größeren Rubriken. Zum Beispiel: Auge - Schmerz - wund - abends - nach einem Spaziergang: Sep . Oder: Auge - tränen - Schmerzen von - im Hals: sep. Oder ... schreiben - nach: ferr. Das heißt, wenn das auffälligste Symptom ein Wundheitsgefühl im Auge nach abendlichem Spaziergang (und nicht auch nach morgendlichem oder nur abends) ist, und Sepia zumindest die meisten anderen Symptome abdeckt, dann wird das das heilende Mittel sein. Da es das einzige Mittel in der Rubrik ist, muss ich nicht viel differenzieren: Da es fett gedruckt (3 wertig) ist, hat es dieses Symptom schon öfter geheilt und ist verläßlich. Ist Sepia einwertig, wie beim Tränenfluss bei Halsschmerzen, dann ist dieses Symptom bisher nur bei einer Arzneimittelprüfung (oder als geheiltes Symptom unter Sepia) aufgetreten. Klingt einfach, ist es nicht: vielleicht tränt das Auge bei Halsschmerzen und nach dem Schreiben? oder es tränt überhaupt ständig und fällt daher in eine Rubrik mit 145 Mitteln, dazu kommen noch etliche spätere Nachträge, die noch immer kein Garant für Vollständigkeit sind... Die Symptome werden daher hierarchisiert, das heißt die wichtigeren Symptome bevorzugt gewertet ( §153 Sy Augentränen bei Halsschmerzen), Auslöser, Geistgemüt Symptome, Allgemeinsymptome (Essen, Schlafen, Verdauung, Schwitzen,...), Lokalsymptome: (Augentränen). Hier hat sich Pierre Schmidt sehr verdient gemacht, über den die Kent´sche Repertorisation im deutschsprachigen Europa Verbreitung erlangte.

Kent strich auch die psychischen Symptome hervor, und er versuchte (wie auch andere Homöopathen und -innen) die Symptomenlisten zu anschaulichen und merkbaren Arzneimittelbildern zusammenzufassen (man könnte sagen Prototypen von Kranken). Das entwickelte sich weiter in immer karikaturhaftere, aber oft bei Symptomenarmut sehr hilfreiche Psychogramme. Ein Meister darin ist Vithoulkas, der starken Einfluß auf die Homöopathie ausübte, weil diese plakativen Bilder leicht merkbar sind und insbesondere Anfänger faszinieren. Die Gefahr besteht jedoch darin, Patienten in eine dieser Schubladen einpassen zu wollen. Dem Siegeszug der Psychotherapie im vergangenen Jahrhundert entspricht die gleichzeitige Psychologisierung der Homöopathie, die gegen Ende des Jahrhunderts teilweise in eine nicht ungefährliche Esoterisierung übergeht, wo Mittel - oft abenteuerliche Kombination - ausschließlich erpendelt oder nach Horoskopen ermittelt werden. Hahnemann warnte bereits im ersten Paragraphen (§1) des Organons (Zusammenfassung seiner Lehre) und Anm 1: "Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt. Nicht aber ...das Zusammenspinnen ...(von) Hypothesen über das innere Wesen des Lebensvorgangs und der Krankheitsentstehung im unsichtbaren Innern zu sogenannten Systemen..."


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Oberarzt Dr. med. univ. Jörg Hildebrandt |j.hildebrandt@telering.at