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Mangold als Symbol für die Aufgliederung aus gemeinsamer Wurzel

Verschiedene Richtungen der Homöopathie

Dies ist eine sehr kurze und persönliche Sichtweise, die weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf historische Detailgetreue erhebt. Sie soll helfen, in dem bunten Strauß dessen, was alles unter Homöopathie läuft, etwas Orientierung zu bekommen.

Hahnemann entdeckte und entwickelte die Homöopathie, die ersten und sehr wichtigen Arzneien, und die Idee der chronischen Krankheiten (Miasmen im homöopathischen Sinne). Er kannte die von ihm geprüften Arzneien so gut, dass er die Gesamtheit der charakteristischen Symptome eines Kranken mit den Prüfungssymptomen der Arznei verglich und so verschrieb.

Seine Schüler erkannten schnell, dass man Nachschlagewerke braucht, um bei der großen Menge an Symptomen Ideen für die möglichen Arzneien zu bekommen. Diese werden Repertorien genannt. Hier gab und gibt es unterschiedliche Ansätze, was denn das berühmte charakteristische, auffällige (§153 des Organons der Heilkunst von Hahnemann) sei:

Der "klassische Weg " ist die Repertorisation nach Kent und die entsprechende Wertung (Hierarchisierung) der Symptome nach Pierre Schmidt. Man sucht das auffallende Detail, und darin das Mittel, das zur Gesamtheit der Symptome am besten passt.

Hahnemanns Lieblingsschüler Clemens Maria Franz von Bönninghausen (1785 - 1864) hat einen anderen Weg eingeschlagen: Bönninghausen generalisiert die Prüfungssymptome. Wichtig ist das derzeitige Hauptsymptom, wodurch es besser oder schlechter wird und wie es ausgelöst wurde. Einen Schritt weiter geht Cyrus M. Boger (1861 -1935). Er vergleicht nicht nur die Symptome des Patienten mit den generalisierten der Arznei, sondern sucht auch beim Patienten die Charakteistischen Symptome herauszunehmen.

Diese Gedankenwelt beeinflußte über die Homöopathenfamilie Sankaran und deren Bombay Schule die indische Homöopathie, die wiederum aufgrund ihrer Erfolge bei der Seuchenbekämpfung einen der Schulmedizin gleichwertigen Status in Indien erlangt hat. Ab 2000 hat sich eine auf die innere Empfiindung abzielende Methodik entwickelt, die Entwicklungen anderer Homöopathen einfließen ließ. So ist die Erkenntnis von Jan Scholten übernommen und ausgebaut worden, dass die Elemente des Periodensystems systematisch zu erforschen und die "Salzbildungen" zwischen ihnen als Kombination homöopathischer Eigenschaften zu verstehen sind. Während man bei Scholten (Elemententheorie) der auslösenden Situation für die Hauptbeschwerde großes Augenmerk schenkt, versucht man bei Sankaran heute, der dahinterliegenden Grundempfindung auf die Spur zu kommen, die sich dann generalisierend auch in Träumen und früheren Krankheiten wiederfinden lassen sollte, und zu einem Arzneimittel übersetzt werden kann.

Wir sehen also zwei Bögen der Entwicklung: die in Deutschland enstandene Homöopathie hat sich einerseits über den Bogen USA in eine spezifizierende Richtung entwickelt, und ist über Perre Schmidt zurückgekommen. In Deutschland emtwickelt sie sich in eine generalisierende, und über den Bogen Indien kommt dieses Generaliseren des Hauptsymptoms, nicht mehr auf der körperlichen Ebene, sondern bis in die Empfindungsebene hinein wieder zurück.

Nicht unerwähnt bleiben darf der wichtige Einfluss, den Mathias Dorcsi (1923 - 2001) auf die Homöopathie im deutschsprachigen Raum hatte. Er gründete mit Robert Seitschek 1953 die später "Österreichische Gesellschaft für Homöopathische Medizin" (ÖGHM) genannte Ärztevereinigung. Sein zentrales Anliegen war die Integration der Homöopathie in die gesamte Medizin. Dazu machte er sie den schulmedizinischen Kollegen mit "bewährten Indikationen" schmackhaft. Sein enormes Arzneiwissen ermöglichte ihm den Verzicht der Repertorisation. Er schuf mit den bewährten Indikationen ein heute umstrittenes klinisches Repertorium. (Andere Autoren nennen ähnliche Hinweise die "Goldkörner" einer Arznei oder die spezifischen Indikationen).

Der Versuch, vielen Patienten in überfüllten Ordinationen günstig helfen zu können, führte immer wieder zu Abweichungen von den Ideen Hahnemanns. So brach Hans-Heinrich Reckeweg (1905 -1985) mit seiner Homotoxikologie mit dem Grundsatz der Einzelmitteltherapie, postulierte, dass alle Krankheiten von Vergiftungen herrührten und verwendete homöopathische Mischpräparate um Gifte aus bestimmten Organen auszuleiten. (beispielsweise mehrere Mittel die einen tarken Bezug zur Leber haben kombiniert). Heute springen etliche Pharmafirmen auf den Zug und mischen Mittel gegen eine Krankheit. Diese Mittel bezeichnen sie oft nach einem der Hauptinhaltsstoffe. Wilhelm Heinrich Schüßler (1821-1898) wiederum hielt Krankheiten für Folgen eines gestörten Mineralhaushaltes, den es auszugleichen gilt. Er selbst bezeichnet seine Therapie nicht als homöopathisch, auch wenn er potenzierte Mineralsalze verwendet. Diese 12 Salze sind auch in der Homöopathie bekannt und werden dort nach Ähnlichkeitsgesichtspunkten eingesetzt. Edward Bach (1886-1936) sah die Entstehung der Krankheiten in seelischer Gleichgewichtsstörung. Er suchte intuitiv nach einer Möglichkeit, dass sich die Bevölkerung selbst heilen kann. So entwickelte er seine nicht homöopathisch hergestellten Bachblüten.

Die Anthroposophische Medizin Rudolf Steiners (1861–1925) verwendet etwas anders hergestellte, aber sonst den homöopathischen Mitteln idente Ausgangsstoffe. Verordnet werden sie aufgrund philosophischer Überlegungen.

Allen diesen letztgenannten (ab Homotoxikologie), durchaus ernstzunehmenden Versuchen ist gemeinsam, dass sie gegen den homöopathischen Grundsatz nicht die Gesamtheit oder Besonderheit der Symptome mit Einzelmitteln behandeln. Sondern aufgrund von (von Hahnemann strict abgelehnten) Hypothesen über Krankheitsentstehung verwenden sie Mittel nach Krankheiten (bestenfalls nach Organbezug) oder rein nach der psychischen Verfassung.

Eine Wirksamkeit ist ihnen (den letztgenannten) deswegen nicht abzusprechen. Es muß allerdings bedacht werden, dass die oft sehr häufige Mittelwiederholung zu einer unfreiwilligen Arzneimittelprüfung führen kann, was von einigen Vertretern dieser Schulen negiert und daher auch nicht erkannt wird. Weiters kann eine Besserung oberflächlicher Symptome im Sinne einer Unterdrückung (das ist mit jeder wirksamen Therapie möglich) zu einem Auftreten in tieferer Ebene führen (statt Hautausschlag Asthma beispielsweise). Das muss, wenn schon nicht immer vermeidbar, zumindest erkannt, und dann entsprechend therapiert werden!


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Oberarzt Dr. med. univ. Jörg Hildebrandt |j.hildebrandt@telering.at